Casino

Frankreich/USA, 1995

Martin Scorsese

Release: Blue-Ray Universal Amaray Case Single Disc

„Die Hauptregel im Casino lautet: veranlasse sie, zu spielen, und sorge dafür, dass sie wiederkommen – je länger sie spielen, desto mehr verlieren sie. Am Ende kriegen wir alles.“

Altmeister-Regisseur Martin Scorsese erschlägt uns im epischen Stadt der Sünde-Streifen „Casino“ mit dem frivolen Las Vegas-Feeling und zeigt uns tonnenweise bunte Bilder, bei denen der Zuschauer geradezu erschlagen wird von tausenden Farben und glamourös-prunkvollen Szenarien der Zockerstadt, aber auch abgeschreckt wird durch die verrohte Gewalt und die schmutzigen Geschäfte der Mafiosi-Drahtzieher, die die Metropole während der 70er und 80er beherrschten.

Wird das Casino-Geschäft zu Anfang auf humoristisch-satirische Art und Weise als die Kassen klingeln lassendes Etablissement der Reichen und Korrupten dargestellt, tritt gerade diese witzige Art des Films mit Beginn der „Liebesgeschichte“ zwischen dem Gauner Sam „Ace“ Rothstein (De Niro) und dem Callgirl Ginger (Stone) in den Hintergrund. Robert De Niro in der Hauptrolle als Ace ist natürlich der schauspielerische Kern des Films, der wie immer brilliert wie in kaum einem anderen Werk. Er ist der gerissene Geldmacher-Typ, der König der Wett- und Glücksspiele, der auf alles und jeden einen feuchten Dreck gibt, solange das Geld in Strömen fließt. Von Geldgier geradezu besessen leitet er das Casino „Tangiers“ und nimmt seine Gäste systematisch aus, da alle Angestellten wie ein Uhrwerk funktionieren und er alle wie Marionetten für sich arbeiten lässt, was wir auch während der ersten Stunde des Films anhand diverser Beispiele merken: ein japanischer Geschäftsmann, der zuvor das Casino um 2 Millionen Dollar entledigt hatte, wird, nachdem der Flieger des Privatjets gekauft und dazu angestiftet wurde, einen Defekt vorzutäuschen, wieder in die Suite im Casino einquartiert und erneut zum Spielen gedrängt – und so fährt Ace durch Manipulation beinahe den gesamten Verlust wieder ein. De Niros deutsche Synchronstimme, Christian Brückner, ist auch jedes Mal ein Fest und klingt fast noch abgebrühter, emotionsloser und boshafter als das Original. Daneben strahlen auch Sharon Stone als psychotische Callgirl-Ehefrau von Ace und der berüchtigte Choleriker Joe Pesci als aggressiver Brutalo-Mafiosi Nicky, der für ihn die blutige Drecksarbeit erledigt. Die maschinäre, gefühlskalte Art von Sam wird erst mit Kennenlernen von Ginger erweicht – eine fatale Charakterwandlung für den erfolgreichen Zocker.

„Vegas ist eine moralische Autowäsche.“

Scorsese hat ohnehin sehr nette Ideen in seinen Film eingebaut: das Intro mit der überraschenden Autobombe, deren Feuer und Qualm nahtlos in das Licht der Casino-Leuchttafeln übergehen, oder wenn wir zunächst Szenen voll Glanz und Prunk im Casinosaal, Berge von Goldschmuck und Geld finden, ist die nächstfolgende Szene plötzlich durchsetzt von roher Gewalt. Und die fällt nicht zu gering aus – die Grausamkeit der Mafia-Mitglieder wird überdeutlich, besonders natürlich gegen Ende bei der regelrechten Hinrichtung aller Mitwisser. Es werden Hände mit Hämmern zerschlagen, Köpfe in Schraubzwingen geklemmt und es wird lebendig begraben – und natürlich reichlich geballert. Überhaupt ist alles, was wir zu Gesicht bekommen und was den Zuschauer vom großen Geld träumen lässt, mit Blut erreicht und gebaut worden – alles ist nur der schöne Schein. Mit dieser Antithetik spielt Scorsese und zeigt uns Las Vegas, wie es von der Mafia geschaffen und beherrscht wurde, gesetzlos und vor allem skrupellos. Erst nach etwa 80 Minuten treffen wir mit dem Sheriff der Stadt auf den ersten und fast einzigen ehrbaren Charakter im ganzen Film. Und selbst der macht auch erst den Dreck, den Ace am Stecken hat, publik, als der ihm verwehrt, einen stadtbekannten, jungen Croupier, den er gerade erst entlassen hat, wieder einzustellen. Jeder Charakter im Casino von Ace nimmt Schmiergeld, wird bestochen und funktioniert wie ein Zahnrad in einer großen Geldmaschine. Die Welt, in die wir geworfen werden, ist leider keine erfundene Welt, auch wenn wir es hier mit einer Romanverfilmung des gleichnamigen Buches von Nicholas Pileggi zu tun haben. Der finanzielle Aufschwung, der Las Vegas überhaupt erst zu der bekannten Zockermetropole gemacht hat, kam Experten zufolge durch die Machenschaften der großen Mafia-Bosse dort. Dass hierbei natürlich Korruption und Intrigen vorprogrammiert waren, kann man in einer Dokumentation sehen, die der Blu-Ray als Bonusmaterial beigefügt ist. Ständig wurden Leichen toter Staatsbeamter oder toter Mafiosi in der Wüste verscharrt oder außerhalb der Stadt und in Vororten um die Ecke gebracht, bis die Großkonzerne die Casinos übernommen und der Einfluss der Mafia schwand. Der Film ist durchsetzt von Dialogen zwischen De Niro und Pesci aus dem Off, die die Handlungen der Szenen kommentieren, zusammenfassen oder nacherzählen, was schon einen gewissen Kultcharakter mit sich bringt, vor allem wegen so mancher lässiger Zitate, die den rauen Alltag des Casino-Geschäfts darstellen und die Skrupellosigkeit, die für den Erfolg in diesem Bereich nötig ist, nur noch verstärken.

„Wenn du jemanden liebst, musst du ihm vertrauen. Es gibt keinen anderen Weg. Du musst diesem Jemand den Schlüssel geben zu allem, was dir gehört. Und für eine Weile, glaube ich, hatte ich so jemanden gefunden.“

Der Storybogen gipfelt im Untergang des Imperiums Rothstein und gegen Ende des Films tritt seine tragische Beziehung mit Ginger in den eindeutigen Vordergrund und wir haben es mit einem psychotischen Ehedrama zu tun, unter dem natürlich die gemeinsame Tochter leidet und während der Ace sich auch noch gegen Anschuldigungen der Presse wehren und in diversen Gerichtsverfahren verantworten muss. Das Ganze steht dann urplötzlich im Gegensatz zur satirisch-ironischen ersten Filmhälfte – Ace hat auf einmal seine souverän-selbstgefällige Ichkannmirallesleisten-Art verloren. Am Ende des Films, bei dem die Mafiosi reihenweise von ihren Ithaka-Brüdern umgelegt werden, kommt es noch einmal zu einer kleinen Storywendung und der Film endet in einem schwachen, bedeutungsarmen Finale. Leider wirkt der Film bei seiner Gesamtlänge von fast 3 Stunden oft sehr konstruiert und programmiert. Mit seiner Dialoglast ist es leider kein einfaches Kino, das Scorsese uns vorsetzt. Kameraeinstellungen und besondere Schnitte gibt es auch keine nennenswerten. Bis auf ein paar nette Aufnahmen im Casino und den Treffen außerhalb von Vegas in der Wüste finden wir hier keine erfrischenden Neu-Ideen, wie wir es von Scorsese gewohnt sind.

„Sie haben hier 3 Möglichkeiten, etwas zu machen: richtig, falsch oder auf meine Art.“

- Sam „Ace“ Rothstein

Auch wenn das bereits vielfach ausgeschlachtete Themenwrack Mafia ein gern gesehenes Thema bei Scorsese ist (wir erinnern uns an Good Fellas), malt Casino zwar ein gleichwohl unterhaltsames, zynisches und ironisches wie auch leider sehr authentisches Bild der Mafia-Geschäfte in der Sin City Las Vegas, weist der Film aber trotzdem scheinbar unendlich ziehende Längen auf und wirkt stellenweise aufgesetzt und etwas überspielt – nicht von De Niro, der macht seinen Job exzellent, dafür aber von der in diesem Film meiner Meinung nach völlig überschätzten Sharon Stone. Die gelungene Darstellung der krummen Geschäfte und der mitleidlose Umgang mit Betrügern und FBI-Leuten, die den Geldhahn im Casino zudrehen wollen, trösten leider nur teilweise über den fehlenden emotionalen Tiefgang der Ehekrise hinweg. Lässt das überraschende Ende des Films, nachdem die gesamte Laufzeit über etwas anderes angedeutet wurde, dann doch einmal kurz Aufatmen, drückt uns die allerletzte Szene doch wieder nur in ein Spannungsloch zurück und wir fragen uns, ob das  Ende eines Films nicht ein wenig mehr suggerieren sollte, um länger im Kopf der Zuschauer zu bleiben, als hier. Andererseits werden mir manche Zuschauer sicher antworten, dass gerade dieses Ende ein Logisches ist – woraufhin ich trotzdem mit dem altbekannten Satz antworte: Das kommt auf die Erwartungshaltung des Zuschauers an. Für mich gab es eben keinen Thrill mehr am Ende.

„Nachts beim Spiel sieht man nicht die Wüste, die Las Vegas umgibt.“

Fazit: Was feststeht - Casino ist eine leichenbepflasterte Regenbogenstraße voller Neonlicht, Werbetafeln, Intrigen, Blut, Machtspielen und Verführung vor dem Hintergrund einer tragischen Beziehungsgeschichte und lässt Moral absolut vermissen. Scorsese malt uns nicht nur ein Portrait einer Gambling-Glücksstadt, in der alles möglich ist, sondern taucht uns von der Oberfläche, von der aus wir die glamouröse und schicke Seite Las Vegas’ sehen, tief hinunter in den Schlund der düsteren Geschäfte, die im Hintergrund laufen, lässt uns aber dennoch nicht mehr von diesem langen Stück Filmgeschichte im Gedächtnis bleiben, als ein paar cooler Zitate, nette Folterideen für die nächsten Saw-Filme und die lose Idee eines Las Vegas, das auf Blut und Leichen erbaut wurde – und in Erinnerung bleibt ein brillanter De Niro in einem durchaus sehenswerten Film über eine leuchtende Stadt, mehr leider nicht. Sorry, Herr Scorsese.

Ich gebe 6/10 Punkten.

7.5.11 01:13

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